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Mobbing



Ich möchte heute über ein Thema schreiben, welches mir seit langem am Herzen liegt und das nicht erst durch meine Arbeit als Lehrerin an einer Grundschule, sondern auch durch eigene Erfahrungen in der 6. Klasse und eben solchen, die meine nun 17- jährige Tochter Alyssa hat durchmachen müssen. Und der gerade aktuelle Fall der 11-jährigen Schülerin aus Berlin zeigte für mich einmal wieder allzu eindrücklich, wie gefährlich dieses Verhalten gerade im Kindes- und Jugendalter ist und welche furchtbaren Folgen es haben kann.

Mobbing

Wann fängt das eigentlich an? Haben nicht alle Kinder mal Streit und regelt sich das nicht auch normalerweise wieder von alleine?

Ja, Menschen und besonders auch Kinder geraten mal in Streit und versöhnen sich wieder, aber es gibt auch Situationen, in denen Kinder ganz gezielt von anderen Kindern ausgegrenzt und geärgert werden und gezeigt bekommen, dass sie nicht gemocht werden. Das Schlimme daran in meinen Augen ist, dass Kinder und auch Jugendliche oftmals noch gar nicht in der Lage sind, Perspektiven dergestalt übernehmen zu können, dass ihnen bewusst ist, wie sich ihr Opfer in dieser Situation fühlt und das Opfer hat in der Regel in diesem Alter noch keine derart gefestigte Persönlichkeit, dass es über den Dingen stehen und dieses Verhalten einfach ignorieren oder nicht ernstnehmen könnte. Und diese brisante Kombi kann leider im schlimmsten Falle so enden, wie in Berlin und deswegen möchte ich mich nun hier dazu äußern.

Wie bereits gesagt, habe auch ich eine derartige Phase in der 6. Klasse erlebt. Sie kam angeflogen und ohne Vorwarnung. Urplötzlich wurde ich zur Zielscheibe eines Klassenkamerads, der kurz zuvor noch für einige Wochen hatte mein Freund sein wollen (in diesem Alter dauern „Beziehungen“ ja nicht wirklich länger). Unglücklicherweise war er sehr beliebt in der Klasse und diese Beliebtheit führte dazu, dass die meisten aus der Klasse auf seinen Mobbingzug aufsprangen und sich sogar meine damals beste Freundin von mir abwandte und lieber zur coolen Fraktion gehörte, anstatt mir beizustehen.

Ich hatte damals Glück, denn ich besuchte eine gemeinsame Orientierungsstufe von Realschule und Gymnasium und es war von Anfang an klar, dass ich nach der 6. Klasse auf das Gymnasium gehen würde und so musste ich diesen Zustand nur ein paar Monate ertragen und konnte dann neu in der neuen Klasse anfangen, wohin nur wenige Mitschüler mit mir wechselten. Mir hat diese Zeit rückblickend einigen Schaden zugefügt, auch wenn sie nur sehr kurz war. Ich bin in dieser so sensiblen Phase meiner Entwicklung derart in meinem Selbstbewusstsein erschüttert worden, dass ich behaupten würde, ich habe bis heute daran zu knabbern, da ich mich nachwievor nicht wohl fühle, wenn ich alleine irgendwo hingehen muss, wo ich niemanden kenne und ich grundsätzlich unsicher beim Knüpfen neuer Kontakte bin.

Bei Alyssa war es ähnlich. Sie wechselte von der Grundschule alleine auf ein Gymnasium in Lüneburg, da wir damals anfänglich noch in einem Dorf lebten, was eigentlich ein anderes Gymnasium als Einzugsgebiet hat, wodurch alle Klassenkameraden dorthin gingen. Für uns war klar, dass ein Umzug anstand und so die andere Schule besser sein würde. Dies bescherte meiner in der Grundschule aber so gut integrierten Tochter, die dort sogar Schülersprecherin war, aber offensichtlich zwei grauenhafte Jahre. Anfänglich habe ich das nicht gemerkt, da sie nichts darüber erzählt hat, so wie auch ich damals nicht den Kontakt zu meinen Eltern gesucht habe. Vermutlich, weil ich gar nicht gewusst hätte, was ich hätte sagen sollen, denn mir wurde ja physisch nichts getan, was man hätte ahnden können, man ließ mich einfach nur spüren, dass ich nicht erwünscht war.

Aufgefallen, dass etwas nicht stimmen kann, ist mir erst, als die Fehltage meiner Tochter mit nicht erklärbaren Bauchschmerzen immer mehr wurden und ich feststellte, dass sie in den kompletten zwei Jahren nicht ein einziges Mal auf einen Geburtstag von Mitschülern eingeladen worden war, obwohl sie selbst Kinder eingeladen hatte (von denen aber auch nur wenige kamen). Ich suchte dann damals das Gespräch mit der Klassenlehrerin, die mir aber versicherte, dass alles in Ordnung sei und Alyssa gut integriert wäre.

Rückblickend betrachtet hat sie vermutlich davon einfach nichts mitbekommen, da sich solch ein Verhalten nicht unbedingt zeigt im Unterricht und als Lehrer erlebt man seine Schülern nunmal in der Regel eher nur dort. Und das macht das Ganze so schlimm. Es ist oftmals nahezu unsichtbar für Außenstehende, da seelische Wunden sich nunmal nicht an blauen Flecken oder Schürfwunden ablesen lassen und oft zu eher verschlossenen Kindern führen und nicht zu redseligen, die von sich aus erzählen, was mit ihnen los ist.

Für Alyssa hat sich die Situation gottseidank gelöst, als die Klasse zum 7. Schuljahr hin neu zusammengesetzt wurde und sie gute und feste Freundschaften schließen konnte. Ich mag mir nicht ausmalen, was es mit ihr angerichtet hätte, wenn das länger angedauert hätte, denn auch hier hätte man ja im Prinzip wenig tun können, da man einen Menschen ja nicht dazu zwingen kann, einen anderen zu mögen.

Aber man kann ihn lehren, Empathie zu empfinden und zu reflektieren, was eigenes Verhalten auslöst und damit komme ich zu dem in meinen Augen heute so exorbitant groß gewordenen Problem:

Viel zu oft wird Kindern heutzutage vorgelebt, dass es normal ist, andere Menschen nicht respektvoll zu behandeln. Sie werden Zeugen davon, wie sich vielleicht schon die Eltern gegenseitig mit Schimpfwörtern benennen oder aber, wie man ohne nachzudenken vor ihnen über andere respektlos spricht. Was soll ein Kind davon lernen, wenn es Erwachsene sieht, die offen über andere Menschen schlecht reden oder erlebt, dass vollkommen respektlos mit anderen in der Öffentlichkeit umgegangen wird? Kinder lernen am Modell und Eltern und Erwachsene sind diese Modelle. Kinder, die solches Verhalten als normal erleben, lernen nicht respektvoll mit anderen umzugehen, sondern, dass es nicht nötig ist, darüber nachzudenken, was andere empfinden und wie sie sich fühlen, wenn ich sie so behandele, wie ich es tue.

Aber das ist in meinen Augen noch nicht das ganze Problem. Problematisch ist heute ebenfalls, dass Kinder immer öfter zu egozentrischen Wesen erzogen werden von ihren Eltern. Sie bekommen vermittelt, dass die Welt sich um sie dreht und nichts wichtiger ist, als man selbst. Natürlich gehört es zu einer guten und fruchtbaren Erziehung dazu, ein Kind zu einem selbstbewussten Menschen zu machen, aber selbstbewusst bedeutet nicht rücksichtslos und egoistisch! Selbstbewusste Menschen können selbstverständlich trotzdem in der Lage sein, empathisch zu handeln, da schließt das eine das andere absolut nicht aus. Aber ganz offensichtlich haben solche Eltern das Wort selbstbewusst nicht verstanden oder verwechseln es mit dem Wort egozentrisch. Und egozentrische Menschen müssen eben nicht ihr Verhalten reflektieren oder die Perspektive anderer übernehmen. Das ist für sie vollkommen sinnlos, da ohnehin nur zählt, dass es ihnen selbst gutgeht und andere grundsätzlich weniger wichtig sind.

Für solche Kinder ist es vollkommen in Ordnung, andere zu mobben, wenn es ihnen selbst dadurch gut geht. Solche Menschen können auch jederzeit verletzende Dinge zu anderen sagen, da es eben „gerade raus musste“. Diese Aussage verursacht bei mir ehrlich gesagt immer wieder latenten Brechreiz, denn es muss eben nichts einfach mal gesagt werden oder einfach mal raus! Niemand hat das Recht, anderen beleidigende oder verletzende Dinge zu sagen, nur damit es ihm selbst dann besser geht. Jeder Mensch hat jederzeit vor seinem Handeln nachzudenken, ob er damit niemandem schadet und unser höchstes Ziel muss sein, dass wir uns so verhalten und unsere Kinder solches Verhalten auch lehren und es ihnen vorleben, denn nur so kann man am effektivsten Mobbing vermeiden.

Ganz wichtig finde ich in diesem Kontext auch das Thema Verhalten im Internet, denn allzu oft sieht man dort Menschen, die sich verhalten, als gäbe es die Regel eines normalen Miteinanders dort nicht. Auch hier muss Kindern vorgelebt werden, dass es eben nicht so ist, dass das Netz anonym ist und man dort nach Lust und Laune Hass verstreuen kann, sondern dass man auch dort ein reales Gegenüber hat, welches man mit den eigenen Worten und Taten verletzen könnte und dass man auch im Internet vor dem Handeln nachdenken muss, ob man damit einem anderen schadet.

Ich finde hier auch nach all den Jahren den Spruch „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch niemand andrem zu!“ immernoch so treffend, dass ich persönlich grundsätzlich mit Kindern reflektiere, wie sich der andere aufgrund der eigenen Taten gefühlt haben muss.

Was aber nun tun, wenn man merkt, dass das Kind offensichtlich von Mobbing betroffen ist?

Mein dringender Rat ist hier, dass man sofort und ohne abzuwarten interveniert! Damit meine ich, dass man den Verursacher damit konfrontiert oder das Gespräch mit seinen Eltern sucht. Zusätzlich unbedingt Schule oder Kita informieren, denn oftmals wissen Lehrer und Erzieher wie bereits gesagt nicht einmal, dass ein solches Verhalten vorliegt, da es lange nicht in jedem Falle mit physischer Gewalt einhergeht. Bitte niemals aus Scheu nichts tun. Ich höre leider auch heute noch oft, dass Eltern aus Angst vor Repressalien nicht agieren. Oft auch, wenn es sich beim Täter um einen Lehrer handelt, denn auch solche Konstellationen sind ja möglich. Ich persönlich bin hier aber der Meinung, dass Angriff die beste Verteidigung ist, denn in der Regel weiß der Täter ab der Konfrontation dann, dass er unter Beobachtung steht und stellt sein Verhalten vielleicht schon alleine deswegen ein.

Leider kann man in Fällen von Mobbing aber keine Wunder seitens der Schule erwarten, denn durch viele viele Vorschriften sind den Lehrenden dort oftmals fast die Hände gebunden und es finden sich kaum bis gar keine geeigneten Maßnahmen gegenüber dem Täter oder es finden sich außer der möglichst durchgängigen Trennung von Täter und Opfer keine Lösungsansätze für das Problem.

Sollte das Problem aber gar in verweigerter Kooperation seitens der Schule liegen, so kann man jederzeit auch den Weg zu höheren Instanzen gehen, was in Niedersachsen dann zunächst die Landesschulbehörde wäre. Und jenachdem wie schwerwiegend das Mobbing ist, kann man immer auch die Polizei einschalten und den Täter so auch strafrechtlich verfolgen lassen, bzw. seine Eltern, sollte er dazu noch zu jung sein.

Daniela von Nenalisi.de hat ebenfalls kürzlich erst einen Beitrag zum Thema verfasst und dort Links hinterlegt, bei denen man sich konkrete Hilfe holen kann.

Und abschließend bleibt mir zu sagen, dass das wichtigste zum Schutze der eigenen Kinder ein gutes Verhältnis zu diesen ist, sodass sie wissen, dass sie grundsätzlich mit jedem vielleicht noch so peinlichen Problem ein offenes Ohr bei uns finden, und zusätzlich immer gute Antennen zu haben, denn gerade mit Einsetzen der Pubertät werden Kinder nicht unbedingt redseliger, sondern oft zurückgezogener, sodass es oftmals schwer ist, als Mutter oder Vater überhaupt mitzubekommen, was mit dem eigenen Kind gerade los ist.

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